Valerie Wendenburg

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«Ich möchte keine Judentum-Aktivistin sein»

Dieser Artikel ist am 8. Dezember 2023 in der jüdischen Wochenzeitung tachles erschienen.

Herzliche Gratulation zur Wahl in den Nationalrat. Wie fühlen Sie sich in der neuen Funktion?
Anna Rosenwasser: Zugegeben, es kostet mich Mühe, aus der Überrumpelung in die Entschlossenheit reinzukommen – schliesslich hatte ich noch kein politisches Amt inne vor dieser Wahl. Nach dem Wahlsonntag nahm ich mir etwas Zeit, um gründlich über dieses Mandat nachzudenken – und letzte Woche nahm ich es von ganzem Herzen an.

Wofür möchten Sie sich als Nationalrätin einsetzen?
Meine Kommission wird mir erst Mitte Dezember zugeteilt, ich weiss also noch nicht, in welche thematischen Gebiete ich mich vertiefen werde. Meine politischen Leidenschaften werden wohl dieselben bleiben: Ich setze mich dafür ein, dass jeder Mensch ein selbstbestimmtes Leben in Würde führen kann.

Werden Sie sich auch gegen Antisemitismus und für ein Verbot von Nazisymbolen engagieren?
Ich kann mir nicht vorstellen, das nicht zu tun.

In Ihrem «Rosa Buch» kommt auch Tel Aviv vor. Sie beschreiben die Stadt als «super gay». Was macht Tel Aviv für Sie so besonders?
Tel Aviv ist fester Teil so mancher meiner persönlichen Erinnerungen von der Kindheit bis ins Erwachsenenalter. Im Rahmen unserer Familienbesuche und meines Hebräischlernens habe ich viel Zeit in Tel Aviv verbracht – und dort meine erste Pride erlebt.

Sie schreiben auch über Ihre jüdischen Wurzeln. Was bedeutet Ihnen das Judentum und wie leben Sie es?
Meine Zugehörigkeit zum Judentum ist sehr ambivalent. Ich habe einen jüdischen Vater und eine nicht jüdische Mutter. Sie pflegt bis heute eine liebevolle und unkomplizierte Nähe zum Judentum. Sie hat mir zu meinem Zusammenzug mit meiner Partnerin eine Menora geschenkt. Mein zweiter Vorname ist Carmel, als Kind bekam ich einen Davidstern. Das Judentum hat für meine beiden Eltern immer eine Rolle gespielt. Ich habe aber nie eine jüdische Institution besucht, war nicht in einer Jugendgruppe oder jüdischen Schule.
Wir sind auch nicht in die Synagoge gegangen. Von jüdischer Seite ausserhalb meiner Verwandtschaft ist mir teilweise auch recht klar gesagt worden, dass ich nach der Halacha nicht jüdisch bin. Für mein nicht jüdisches Umfeld hingegen bin ich immer die Jüdin. Aufgrund meines Nachnamens ist meine Herkunft schon zu Beginn eines jeden Smalltalks für viele klar. Ich habe meiner Partnerin gesagt, sie solle sich im Falle einer Heirat gut überlegen, ob sie meinen Nachnamen annehmen möchte.

Engagieren Sie sich bewusst für jüdische Themen?
Je öffentlicher ich bin, desto öffentlicher werden meine jüdischen Wurzeln verhandelt. In vielen Interviews wird mir die Frage nach meinem Jüdischsein gestellt, obwohl ich nie für mich entschieden habe, dass ich Judentum-Aktivistin sein möchte. Es ist kompliziert, ich habe alle paar Monate eine andere Meinung darüber, ob ich meine jüdischen Wurzeln in der Öffentlichkeit zum Thema machen soll, aus einer antifaschistischen Überzeugung, oder ob ich darüber bewusst schweigen will, aus Selbstschutz.

Haben Sie oft Antisemitismus erlebt?
Antisemitismus erlebe ich als öffentliche Person genauso wie alle anderen Jüdinnen und Juden. Da wird kein Unterschied gemacht, ob ich nach der Halacha jüdisch bin oder nicht. Das Jüdischste an mir ist wahrscheinlich der Antisemitismus, der mir entgegengebracht wird. Immer, wenn ich aufgrund irgendwelcher Statements in der Öffentlichkeit stehe, kommt mindestens eine Reaktion darauf, dass ich als jüdisch gelesen werde. Auch wenn es mit dem Thema nichts zu tun hat. Meist handelt es sich um antisemitische Mikroaggressionen, die einfach unangenehm sind. Als ich aber für den Nationalrat kandidiert habe, stand auf meiner Facebook-Seite ein antisemitischer Post, für alle sichtbar und sehr erniedrigend. Ich habe das abfotografiert und gemeldet. Meine (allesamt nicht jüdischen) Freundinnen waren geschockt und sagten, es sei ihnen nicht bewusst, dass es sowas in der Schweiz noch gibt. Ich bin daher immer auch ein bisschen vorsichtig. Das beschreibe ich im Buch am Beispiel meines Menoraleuchters, der in meiner Wohnung immer wieder den Platz wechselt. Manchmal zeige ich ihn in einem Zoom-Call im Hintergrund, manchmal aber auch nicht …

Sie leben als Frau mit jüdischen Wurzeln innerhalb einer Minderheit. Ausserdem sind Sie offen bisexuell – ein Statement, das ebenfalls oft Vorurteile mit sich bringt. Warum ist das so?
Wir wachsen mit dem Konzept auf, dass einzig Heterosexualität normal und gesund ist. Die Leute denken, dass sich die Anziehung nur auf ein Geschlecht beziehen kann. Selbst im Fall von Homosexualität, gilt die Annahme: Männer stehen auf Männer und Frauen auf Frauen. Es gibt viele Vorurteile gegenüber Bisexualität, weil uns das nie beigebracht wurde, dass man sich im Laufe des Lebens zu mehr als einem Geschlecht hingezogen fühlen kann. Die Menschen können sich das kaum vorstellen – und denken oft binär: homo oder hetero. In diese Binarität passe ich nicht, gar nicht so unähnlich wie beim Thema jüdische Identität.

Braucht es mehr Aufklärung?
Ich denke nicht, dass allein Aufklärung die Lösung für Vorurteile sein könnte. Wissen ist sicher ein Teil der Lösung. Und natürlich ist es wichtig, dass wir in der Schule wertfrei beigebracht bekommen, was es für Identitäten gibt. Aber ich denke, es kommt auf die Entscheidung jeder einzelnen Person an, wie sie über Minderheiten denkt. Es ist doch eine bewusste Entscheidung, sich mit Themen wie dem Judentum oder der Bisexualität auseinanderzusetzen oder es eben nicht zu tun. Wer sich bewusst gegen eine vertiefte Auseinandersetzung entscheidet, von der oder dem fordere ich als Minimum wohlwollende Ahnungslosigkeit. Und eben keine Verurteilung.

Werden Sie sich weiterhin für verschiedene Minderheiten starkmachen?
Auf jeden Fall. Ich habe das grosse Privileg, im Mainstream Gehör zu finden. Ausserdem habe ich als gelernte Journalistin Erfahrung darin, komplexe Anliegen zugänglich zu vermitteln. Ich mache das, was ich kann. Und das mache ich mit viel Leidenschaft.

Was wünschen Sie sich aktuell, wenn Sie an Israel im Krieg denken?
Dass schnell Entscheidungen getroffen werden, die das Leiden enden lassen. Und dass differenzierter darüber berichtet wird. Und dass jeder Mensch, dem dieser Krieg wehtut, Trost und Halt findet in Gemeinschaften und in sich selbst.l

Anna Rosenwasser: Rosa Buch. Rotpunktverlag, Zürich 2023.