Valerie Wendenburg
Spitzackerstrasse 66
4103 Bottmingen

mail(a)valeriewendenburg.ch

         
 

«Keine Zivilisation ohne Philanthropie»

Georg von Schnurbein ist seit mehr als zehn Jahren Associate Professor für Stiftungsmanagement und Direktor des Center for Philanthropy Studies der Universität Basel und spricht über Stiftungen und Wohltätigkeit.

Erschienen im jüdischen Wochenmagazin tachles am 8. März 2019.

Mit welchem Ziel wurde im Jahr 2008 das Center for Philanthropy Studies (CEPS) in Basel gegründet?
Das CEPS war eine Initiative des Verbands der Schweizer Förderstiftungen Swiss Foundations. Er hat damals mehrere Universitäten mit der Motivation angeschrieben, ein Forschungszentrum im Stiftungswesen ins Leben zu rufen. Die Universität Basel hat sich um die Gelder zur Anschubfinanzierung beworben und gewonnen. Ziel war es, Forschung zum gesamten Themengebiet des Stiftungswesens, der Philanthropie und Gemeinnützigkeit zu betreiben. Dem Verband ging es aber letztlich auch darum, einen Wissenstransfer zu ermöglichen und somit der Entwicklung des Sektors Vorschub zu leisten. Es ging darum, Grundlagen und Know-how zu den genannten Themen zu generieren, da es vor zehn Jahren nur vereinzelte Forschungen gab. Es bestanden damals keine gesicherten Daten darüber, wie viele Stiftungen es überhaupt gibt, ebenso gab es keine Grundlagen über die Gründung von Stiftungen. Vereinzelt war das Know-how da, aber es war nicht öffentlich zugänglich.

Was sind die Schwerpunkte Ihrer Arbeit und worin liegen die Aufgaben der CEPS?
 Bis heute steht die Forschung an erster Stelle, daher wurde ja auch ein Institut an einer Universität anschubfinanziert. Das CEPS bietet aber auch Weiterbildungen an, um unser Wissen zur Verfügung zu stellen. Das ist sinnvoll, denn gerade im Stiftungs- und Non-Profit-Sektor gibt es sehr viele Quereinsteiger. Diese Personen haben Fachwissen als Arzt, Kunsthistoriker oder Jurist und brauchen dann das nötige Management-Know-how, um eine Stiftung zu führen. Ein weiteres Thema ist Wissenstransfer durch andere Aktivitäten wie Workshops oder die gratis zugänglichen Selbstanalysetools auf unserer Homepage. In geringem Masse bieten wir auch Beratung an.

Welche Entwicklungen im Stiftungsbereich der Schweiz haben Sie in den vergangenen zehn Jahren beobachtet?
Was sich sicherlich verändert hat, ist die zunehmende Regulierung, um einen externen Faktor zu nennen. Dadurch sind beispielsweise die Anforderungen an Stiftungsräte gestiegen. Vor allem aber ist festzustellen, dass es immer mehr Stiftungen gibt. Mehr als die Hälfte aller Stiftungen sind in den vergangenen 20 Jahren gegründet worden. Dadurch gibt es sehr viele moderne Stiftungen, die ganz aktuelle Themen behandeln. Interessant ist, dass viele Stiftungen jetzt in die Phase kommen, in der die Gründergeneration abtritt – und dann stellt sich die Frage, wie es weitergeht. Teilweise wird dann ein Schritt hin zur Professionalisierung gemacht, indem ein Geschäftsführer eingestellt wird. Daher gibt es auch immer mehr Stellen im Non-Profit-Bereich und im Stiftungswesen. Zudem hat sich als Folge der Finanzkrise das Verständnis zum Stiftungsvermögen verändert. Durch den Niedergang der Zinsen sind die Menschen gezwungen, sich mehr um ihr Vermögen zu kümmern – es reicht nicht mehr, das Geld einfach sicher anzulegen und ruhen zu lassen. Das führt dazu, dass die Stiftungsräte und damit auch die Stiftungen heute, was die Dokumentation und die Strukturen und Transparenz angeht, viel besser aufgestellt sind als früher. Heute gibt es zum Beispiel viel mehr Jahresberichte als früher, was es einfacher macht, Informationen über Stiftungen zu erhalten.

«Hier wird insgesamt sehr viel Geld gegeben, aber eben auch von Seiten des Staats.»

Welche Eigenheiten hat die Philanthropie in der Schweiz, vielleicht auch im Vergleich zu den angelsächsischen Ländern?

Auf einen Nenner gebracht sage ich immer: In den USA und auch in Grossbritannien gehört Philanthropie zur öffentlichen Sphäre, in der Schweiz gehört sie zur privaten Sphäre. In den USA wird sehr viel mehr über Wohltätigkeit geredet, dort ist der Umgang mit Philanthropie viel natürlicher. Bei uns möchten die Philanthropen einerseits nicht, dass andere darüber reden. Es besteht auch die Angst, dass Spendentätigkeit falsch verstanden wird, als Ablass beispielsweise. Das ist in der Schweiz immer noch ein grosser Hinderungsgrund für mehr Transparenz. Ein weiterer Unterschied – und das ist vielen nicht bewusst – ist, dass die rechtliche Konstellation hierzulande eine ganz andere ist. In den USA ist eine Stiftung primär eine Steuereinteilung. Der Spendenabzug bei Stiftungen dort ist viel geringer als wenn man das Geld zum Beispiel direkt an ein Hilfswerk spendet. Bei uns ist die Stiftung eine Rechtsform, die gemeinnützig sein kann, aber nicht sein muss. Grundsätzlich wird in den USA wird sehr viel mehr Philanthropie betrieben, es gibt aber auch einen höheren Steuerabzug darauf. Umgekehrt bedeutet dies, dass der Schweizer Staat wohltätige Zwecke über Leistungsbeiträge direkt stärker fördert. Deshalb sind wir hier oft der Meinung, dass der Staat für gewisse Dinge zuständig ist, daher gibt es eine geringere Spendentätigkeit als in den USA. Das heisst aber nicht, dass es weniger Geld im Non-Profit-Sektor in der Schweiz gibt. Hier wird insgesamt sehr viel Geld gegeben, aber eben auch von Seiten des Staats. Dies ist in den USA weniger der Fall.

Gibt es in der Schweiz auch Stiftungen, die mit öffentlichen Institutionen zusammenarbeiten?

Wir haben vor einem Jahr eine Untersuchung gemacht, in der wir den Schweizer Stiftungssektor mit dem amerikanischen und deutschen verglichen haben. Der Schweizer Stiftungssektor ist irgendwo dazwischen positioniert. Die Unterschiede zu den USA habe ich aufgezeigt. In Deutschland ist es so, dass die Stiftungen sehr viel mehr mit dem Staat zusammenarbeiten. Dort geht zum Beispiel eine Volkswagen- oder Mercator-Stiftung zur einer Behörde und fragt: Wir wollen das Projekt unterstützen, was haltet ihr davon? Stiftungen machen in Deutschland eigentlich wenig, was beim Staat nicht gut ankommt, da die Verquickungen dort sehr eng sind. In der Schweiz aber halten gerade die grossen Förderstiftungen eine Distanz zu Staat. Sie nehmen für sich in Anspruch, eigene Ziele zu definieren und eigene Projekte umzusetzen. Es gibt langsam auch Annäherungen, weil man erkennt, dass ein reines Nebeneinander letztlich auch nicht effizient ist. Ein gibt aber ein schönes Beispiel aus Genf, wo man in den letzten Jahren versucht hat, etwas mehr Kooperationen zu schaffen. Dort haben sich staatliche und private, gemeinnützige Akteure getroffen und sich zu gewissen Themen ausgetauscht. Es wurde eine Vertrauensbasis geschaffen. Im Jahr 2015, in dem die Flüchtlingskrise begann, stand auch in Genf das Problem mit den unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen im Raum.

«Es gibt keine Zivilisation ohne Philanthropie.»

Der Staat wusste, dass diese Jugendlichen aufgefangen werden können, sobald die Schule wieder losgeht. Aufgrund der vorhandenen Strukturen konnte die Versorgung dann sichergestellt werden. Während der Sommerferien aber fehlte auf staatlicher Ebene eine Möglichkeit der Betreuung. Der Staat hat sich an die Stiftungen gewandt – und schliesslich haben sieben Stiftungen innerhalb von zwei Wochen das Geld organisiert, um die Betreuung der jugendlichen Flüchtlinge während der sechs Wochen Ferien zu finanzieren. An diesem Beispiel sieht man, dass eine gewisse Kooperation wirklich Sinn machen kann. Der Staat hat viel mehr Mittel als Stiftungen, die Stiftungen können ihre Mittel aber schneller freisetzen und risikoreicher einsetzen. In Basel zum Beispiel beläuft sich das Kultur- Budget auf 120 Millionen Franken pro Jahr. Die Christoph-Merian-Stiftung (CMS) als einer der grössten gemeinnützigen Akteure hat rund fünf Millionen Franken pro Jahr. Das steht in keinem Verhältnis. Die CMS aber kann ihr Geld relativ frei einsetzen, beim Staat hingegen sind quasi 90 Prozent am 1. Januar bereits verplant. In der Schweiz wird versucht, vermehrt Kooperationen zu schaffen. Das Traditionelle der schweizerischen Förderstiftungen aber ist eher darauf ausgerichtet, eigene Projekte durchzuführen.

Wie wichtig ist Philanthropie für eine Demokratie und die Gesellschaft?

Wir verstehen Philanthropie als jede private freiwillige Handlung für einen gemeinnützigen Zweck. Philanthropie ist kein Privileg der Reichen, es umfasst jegliche Form von Spenden – seien es Zeitspenden wie Freiwilligenarbeit, Sachspenden oder Geldspenden. Wenn man diesen breiten Fächer aufmacht, dann muss man eigentlich sagen: Es gibt keine Zivilisation ohne Philanthropie. Oder umgekehrt: Philanthropie ist der Beweis für eine Zivilisation. Denn sie beweist, dass der Mensch bereit ist, von seinem eigenen Wohlstand etwas an jemand Fremden abzugeben. Philanthropie ist der Beweis dafür, dass Menschen anderen ausserhalb ihrer Familie oder ihres Clans helfen, ohne eine Gegenleistung dafür erwarten zu können. Das ist ein Ausdruck der Zivilisation für mich. Umgekehrt kann man international beobachten, dass Demokratie oder demokratische Grundwerte Philanthropie befördern. In der Schweiz zum Beispiel sind sowohl die Freiwilligenarbeit wie auch das Spendenwesen sehr verbreitet.

Wie sehen Sie die Entwicklung in den kommenden Jahren in der Schweiz?

Es wird aufgrund verschiedener Faktoren zu einer Veränderung kommen. Zum einen sind Philanthropie und gerade auch das Stiftungswesen sehr abhängig von der Konjunktur. Wenn sich die Weltkonjunktur destabilisiert, dann hat das Auswirkungen darauf, wie viele Stiftungen gegründet werden. Unsicherheit wird zu weniger Gründungen von Stiftungen führen. Im Bereich der Spenden oder der Freiwilligenarbeit ist das nicht unbedingt so. Das ist eine generelle Erwartung. Zum anderen steht, wie erwähnt, bei vielen Stiftungen ein Generationenwechsel an. Die jüngere Generation wird ein anderes Verständnis darüber haben, wie Stiftungen handeln. Das kann sich auf die internen Strukturen beziehen, aber auch zum Beispiel auf die Themen. Die neue Generation nutzt die Chance, die Stiftungen neu aufzugleisen. Ich denke, dass Themen wie Kultur weniger Beachtung finden werden wie zum Beispiel Themen wie Klimawandel oder Entwicklungs­zusammenarbeit. Das ist heute sehr wichtig. Was wir auch anhand der Daten sehen, dass direkt auf gesellschaftliche Trends reagiert wird. Im letzten Jahr wurden einige Stiftungen zum Thema Migration gegründet. Diese Stiftungen werden wohl auch wieder verschwinden, wenn das Thema nicht mehr so virulent sein wird. Diese Verschiebung der Zwecke ist ganz klar auszumachen. Der Umweltbereich wird wichtiger, auch in Bildung und Forschung wird viel investiert. Hier ist Bill Gates ein internationales Vorbild, der ja ganz neue Wege gegangen ist und gesagt hat: «Ich spende nicht an Opernhäuser.» Nach dem Motto: Es gibt Wichtigeres.

Wird die Regulierung auch weiter zunehmen?
Auf jeden Fall. Internationale Entwicklung von Terrorismusbekämpfung und Geldwäscherei verlangen bessere Kontrollen – auch im Stiftungsbereich. Stiftungen haben mit Finanzen zu tun, sie wollen internationale Transaktionen machen, und all das steht heute unter Verdacht. Daher kommen sicherlich in Zukunft noch weitere Regulierungen auf die Stiftungen zu.

Sind Stiftungen eher Dienste an der Gesellschaft oder an sich selbst?
Grundsätzlich bin ich der Überzeugung: Es gibt keinen Altruismus ohne Egoismus. Egal, was ich mache, ob ich mich freiwillig engagiere oder spende: Es ist doch immer so, dass ich es mache, um anderen zu helfen, aber auch, weil es mir selber etwas bringt, sei es Genugtuung, Anerkennung, Macht, Beachtung und vieles mehr. Daher wäre es falsch zu sagen, dass Stiftungen völlig selbstlos sind. Alleine die Tatsache, dass viele Stiftungen nach ihren Gründern benannt sind, zeigt ja, dass es da ein gewisses Momentum gibt. Das ist meines Erachtens auch gar nicht falsch. Der grössere Nutzen liegt ja ganz klar bei der Gesellschaft.

«Es gibt die Tradition, dass Israel unterstützt wird – von Juden in aller Welt.»

Die Wohltätigkeit wird im Jüdischen sehr gross geschrieben. Gibt es Forschungen zur jüdischen Philanthropie?
Das gibt es sicher, wir haben aber noch nicht speziell zu jüdischen Stiftungen geforscht. Auch hier fehlt es noch an Transparenz. Aber vieles, was in den jüdischen Gemeinden der Schweiz angeboten wird, wäre ohne die grosse Bereitschaft, zu geben, gar nicht möglich. Ich glaube, dass es ein wesentlicher Gesichtspunkt in der jüdischen Tradition ist, dass man einen «Zehnten» («maaser») gibt. Letztlich geht dieser «Zehnte» auf das Judentum zurück. Diese Tradition wird im Judentum viel stärker gelebt als im Christentum, wo man sich irgendwann über die Kirchensteuer entledigt hat. Im sozialen Gefüge der jüdischen Gemeinden spielt das eine wichtige Rolle. Es gibt zudem die Tradition, dass Israel unterstützt wird – von Juden in aller Welt. Das ist eine Einzigartigkeit; denn Auslandsschweizer spenden ja zum Beispiel nicht für die Schweiz. Hier wird deutlich, dass die Philanthropie im Judentum auch ein Ausdruck des Bezugs zum Land Israel ist. Diese definierte Zusammengehörigkeit zeichnet die jüdische Religion meiner Ansicht nach auch aus. In der Konsequenz ist Israel daher wohl eines der wenigen entwickelten Länder, das so einen grossen Spendenzufluss aus dem Ausland hat.